Ein Nachruf der Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e. V.
Mit großer Traurigkeit nehmen wir und unzählige Betroffene der DDR-Heimerziehung Abschied von Christian, einem Freund und Wegbegleiter, der Spuren hinterlassen hat, in unseren Herzen, in unseren Erinnerungen und in all den gemeinsamen Momenten, die uns für immer verbinden werden. Mit ihm verlieren wir einen herausragenden Wissenschaftler, einen engagierten Mitstreiter und einen Menschen, dessen Wirken weit über unsere Gedenkstätte hinaus Bedeutung hat.
Christian war der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau seit den Anfängen der Aufarbeitung eng verbunden. Von Beginn an brachte er sein Wissen, seine Erfahrung und sein persönliches Engagement in unsere Arbeit ein.
Als Theologe und später als Politikwissenschaftler und Historiker setzte er sich intensiv mit der Geschichte der DDR und dem Unrecht der SED-Diktatur auseinander. Besonders am Herzen lag ihm die Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung. Mit großer fachlicher Sorgfalt erforschte und dokumentierte er die Geschichte der Heime und die Lebensbedingungen der dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen. Seine Arbeit half, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Erfahrungen in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, die lange kaum Beachtung gefunden hatten.
Seit 2006 gehörte Christian dem wissenschaftlichen Beirat unserer Gedenkstätte an. In dieser Funktion und darüber hinaus begleitete er zahlreiche Projekte und Publikationen. Seine fachlichen Einschätzungen, seine wichtigen Impulse und seine Bereitschaft, sich auch schwierigen Fragen der Aufarbeitung zu stellen, waren für unsere Arbeit von großem Wert.
Bei aller wissenschaftlichen Genauigkeit verlor Christian nie aus dem Blick, worum es bei der Aufarbeitung letztlich geht: um die Menschen, die Unrecht erfahren haben, und um die Anerkennung ihrer Erfahrungen. Es ging ihm darum, denjenigen Gehör zu verschaffen, deren Stimmen lange nicht gehört wurden, ihr Leid anzuerkennen und ihre Geschichten vor dem Vergessen zu bewahren. Die wissenschaftliche Aufarbeitung war für ihn nie Selbstzweck. Sie bedeutete immer auch Verantwortung gegenüber den Betroffenen und die Verpflichtung, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und ihnen einen Platz im öffentlichen Gedächtnis zu geben.
Die Einrichtung des „Fonds Heimerziehung in der DDR 1949–1990“ basierte unter anderem auf Expertisen zur Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung aus dem Jahr 2012, an denen Christian maßgeblich mitwirkte. Der Fonds stellte einen wichtigen Schritt zur öffentlichen Anerkennung des Unrechts in DDR-Heimen dar und ermöglichte finanzielle Hilfeleistungen für Betroffene.
Auch seine Mitarbeit an der Expertise zu den Hintergründen des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in der DDR aus dem Jahr 2016 war eine wissenschaftliche Pionierarbeit. Damit wurde ein jahrzehntelang tabuisiertes Thema erstmals systematisch wissenschaftlich untersucht und öffentlich stärker ins Bewusstsein gerückt.
In all den Jahren war Christian für uns weit mehr als ein wissenschaftlicher Berater. Er war ein Freund, dessen Rat wir schätzten und mit dem uns die gemeinsame Überzeugung verband, dass die Aufarbeitung historischen Unrechts unverzichtbar ist. Unsere Zusammenarbeit war geprägt von gegenseitigem Vertrauen, anregenden Gesprächen und dem gemeinsamen Anliegen, die Geschichte der Betroffenen sichtbar zu machen. Seine fachliche Kompetenz, seine Beharrlichkeit und seine menschliche Zugewandtheit haben unsere Arbeit nachhaltig bereichert.
Der Abschied von Christian hinterlässt eine schmerzliche Lücke. Wir denken an die gemeinsamen Gespräche, an seine klugen Gedanken und an die vielen Erfahrungen, die uns miteinander verbinden. Wir erinnern uns an einen Menschen, der mit seinem Wissen Orientierung gab und sich mit großer Ernsthaftigkeit und Menschlichkeit für die Aufarbeitung historischen Unrechts einsetzte.
Vieles von dem, was Christian angestoßen und mitgetragen hat, wird unsere weitere Arbeit prägen. Sein Wirken bleibt Teil unserer gemeinsamen Geschichte und ist zugleich Auftrag, die begonnene Arbeit in seinem Sinne fortzuführen.
Lieber Christian, nun müssen wir unseren Weg ohne dich weitergehen. Wir werden deinen Rat, deine Stimme und deine freundschaftliche Verbundenheit vermissen. Doch die gemeinsame Wegstrecke und die Erinnerung an dich bleiben.
Mach’s gut, Christian!
Deine Torgauer